20 Jahre Route der Industriekultur

1999 ließ die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park den ersten großen Reiseweg durch das Ruhrgebiet gestalten – die Route der Industriekultur war geboren. 20 Jahre später ist die Route eine Erfolgsgeschichte: 7,26 Millionen Menschen besuchten 2017 deren Ankerpunkte und erzeugten einen Bruttoumsatz von gut 285 Millionen Euro. Laut einer aktuellen Studie löst der Tourismus zur Route zudem Beschäftigungseffekte von mindestens 6150 Arbeitsplätzen aus. Ein Interview mit Ulrich Heckmann, Referatsleiter „Industriekultur“ beim Regionalverband Ruhr.

Herr Heckmann, die Route der Industriekultur wird 2019 20 Jahre alt. Was hat sich seit den Anfängen verändert?

Das Alleinstellungsmerkmal „Industriekultur“ ist mittlerweile allgemein anerkannt, sowohl in der Außen- als auch in der Innenwirkung. Als wir vor über 20 Jahren das Projekt entwickelt haben, sind wir – im positiven Sinne – in ein „Vakuum“ gestoßen. Eine Region, in der über 150 Jahre rund um die Uhr Schwerstarbeit geleistet wurde, wird sich ihrer selbst bewusst. Heute ist das industriekulturelle Erbe für viele Bewohner Grundlage für ein neues Selbstbewusstsein des Ruhrgebiets. Gleichzeitig kommen immer mehr Besucher von außerhalb und entdecken eine der ungewöhnlichsten Metropolen Deutschlands.

Warum ist das Konzept Industriekultur so erfolgreich? Was begeistert die Menschen daran?

Das Konzept der Route der Industriekultur ist wie die Menschen hier: Hochglanz ist anderswo – wir und die ehemaligen Industrieareale sind authentisch, ehrlich und  glaubhaftes Zeugnis unserer Geschichte. Unsere Standorte haben eine hohe Symbolkraft und üben sowohl auf einheimische, als auch auf auswärtige Besucher eine einmalige Faszination aus. Ob Ausstellungen im Ruhr Museum in Essen oder im Gasometer Oberhausen, Street Art-Show in der Jahrhunderthalle, Naturerlebnis im Landschaftspark Duisburg-Nord oder ganz aktuell Lichtermarkt im ehemaligen Hüttenwerk und Nikolausfahrt mit der Museumsbahn im Eisenbahnmuseum – die vielfältigen Angebote sprechen unterschiedliche Zielgruppen an: von der Familie mit Kindern über die kulturell interessierten „Best Ager“ bis hin zum Eisenbahnfreak.

Was fasziniert Sie persönlich?

Auf Entdeckungsreise gehen mit dem Fahrrad, die Vielfalt der industriellen Kulturlandschaft in all ihren Facetten erleben und die offenherzigen Menschen kennenlernen.  Einfach mal nach dem Weg fragen und man erfährt eine ganze Lebensgeschichte.

Nach welchen Kriterien wurden die so genannten Primärstandorte – also Ankerpunkte, Panoramen, Siedlungen – damals ausgewählt?

Wir haben eine Vielzahl von Kriterien berücksichtigt wie industriegeschichtliche Bedeutung, Authentizität des Standortes, bauliche Qualität, Informations- und Erlebniswert, Einbindung ins Umfeld, touristische Infrastruktur, Service, Öffnungszeiten und so weiter. Insgesamt muss der Standort „enttäuschungsfest“ sein, jeder Ankerpunkt soll eine kleine Anreise wert sein.

Wie wichtig war die Auszeichnung Zollvereins als UNESCO-Welterbe 2001 für die Route als Ganzes?

Die Auszeichnung von Zeche und Kokerei Zollverein hatte und hat eine enorme Symbolwirkung. Zollverein entfaltet als die Ikone der Industriekultur eine Strahlkraft für das Ruhrgebiet als Ganzes. Das dortige Besucherzentrum der Route der Industriekultur ist für viele Besucher die erste Anlaufstelle und so Einstieg in die gesamte Region.

Die Route der Industriekultur kooperiert unter anderem mit der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH) und dem Berliner Zentrum Industriekultur (bzi). Wie wichtig ist der Erfahrungsaustausch mit diesen internationalen und überregionalen Partnern?

Der Erfahrungsaustausch, die Zusammenarbeit mit Partnerregionen und -institutionen ist wichtig, um gemeinsam den Stellenwert, die Wertschätzung des industriekulturellen Erbes als fundamentalen Teil der deutschen und gesamteuropäischen Geschichte zu erhöhen. Die Industriegeschichte ist von epochaler Bedeutung, genauso wie die Geschichte der Burgen, Schlösser und Kathedralen.

Von Beginn an lag ein Schwerpunkt auf der nachhaltigen Erkundung der Route; die „Route der Industriekultur per Rad“ ist mittlerweile ein wichtiges Standbein des radrevier.ruhr. Wie geht es hier zukünftig weiter?

Die „Route der Industriekultur per Rad“ hatte von Anfang an einen hohen Stellenwert. Gerade mit dem Fahrrad kann ich die Region erkunden und – häufig auf ehemaligen Bahntrassen, Kanaluferwegen oder Leinpfaden - im wahren Sinne des Wortes die Spuren der Industriegeschichte „erfahren“; und das auch noch umweltfreundlich, nachhaltig und stadtverträglich. Zur Zeit bauen wir das Radwegenetz zu einem Knotenpunktsystem aus, wie wir es von den Partnern in Belgien und den Niederlanden kennen. So wird für den Radreisenden die Navigation zu den interessanten Orten der Industriekultur einfacher, und die Informationen sind besser zugänglich.

Wie geht es mit der Route weiter? Wird es weitere Ankerpunkte oder zusätzliche Themenrouten geben?

Es geht nicht in erster Linie darum, die Anzahl an Sehenswürdigkeiten der Industriekultur weiter zu erhöhen. Es geht um Qualität und leichte Zugänglichkeit. Gemeinsam mit unseren Ankerpunkten arbeiten wir daran, die Route der Industriekultur weiter zu entwickeln und die Vermittlung moderner und digitaler zu machen, damit auch junge Leute Lust haben, das industriekulturelle Erbe zu entdecken. Gerade für die nachwachsende Generation muss deutlich werden, warum unsere Vergangenheit als Industrieregion ein Zukunftsthema ist: Wir „Ruhris“ kommen aus dem Bergbau und sind stolz auf die Maloche und die Kumpel, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich überlebensfähig gemacht haben. Das hat die Landschaft und die Menschen geprägt. 
Diese einzigartige Mischung zieht jährlich 7,26 Millionen Besucher an und sorgt so für einen Bruttoumsatz von gut 285 Millionen Euro. Außerdem siedeln sich in der besonderen Atmosphäre alter Industriestandorte immer mehr Betriebe der Medien, Kultur- und Kreativwirtschaft an, wie zum Beispiel im Triple Z auf Zollverein. Nicht zuletzt ist das einzigartige Kulturangebot auf ehemaligen Industrie-Arealen ein „weicher Standortfaktor“: Der besondere Kulturmix vom Museum unter Tage bis zum Musical, von der ExtraSchicht bis zum „Tag der Trinkhallen“ lockt nicht nur Tausende Einheimische, sondern hilft auch, Fachkräfte anzuziehen.

Ein Projekt des RVR

Beitrag im Forum Geschichtskultur 1/2019

Das Jahr 2019 ist für die Route der Industriekulturein besonderes Jahr: Sie wird in diesem Jahr 20 Jahre alt. Dieses Jubiläum ist Anlass, zurückzublicken und zugleich den Blick nach vorn zu richten. Wenn man die Phase der „Projektgenese“ einbezieht, lassen sich aus heutiger Sicht – etwas vereinfacht –drei Phasen in drei Dekaden ausmachen. Referatsleiter Ulrich Heckmann erläutert in seinem Beitrag der Ausgabe 1/2019 des Forum Geschichtskultur die Details. Das PDF im dem kompletten Artikel kann hier geladen werden.