Aktuelles auf der Route Industriekultur

Zwischen Abbruch und Aufbruch

Sprengung des Stahlwerks im Januar 2005. Im Hintergrund der sogenannte Satkom Tower mit der markanten Erdkugel. Er entstand im Jahr 2000 durch den Umbau eines ehemaligen Luftschutzbunkers zum Veranstaltungs- und Technologiezentrum. Foto: LWL

Seit Ende Mai präsentiert die Henrichshütte Hattingen in der Sonderausstellung „BOOM!“ die wechselvolle Geschichte der Hütte vom Kaiserreich über die Weltkriege und die Zeit des Wiederaufbaus bis zum Strukturwandel.

Den roten Faden bilden die Umbrüche in der Geschichte der Henrichshütte: der Einbruch der Industrie in das Idyll der Ruhrlandschaft sowie Zäsuren durch neue Technologien, neue Besitzer und neue Produkte. Es kommen Frauen und Männer zu Wort, die dabei waren, als es "Boom!" machte und große Teile des Werks abgerissen wurden. Zeitzeugen des Strukturwandels erzählen von der Angst vorm Stillstand, dem Mut, Entscheidungen zu treffen und den Chancen, die ein Neuanfang bieten kann.

Die Ausstellung ist Teil des Verbundprojektes „Alles nur geklaut? Die abenteuerlichen Wege des Wissens“ mit insgesamt sechs Ausstellung an verschiedenen Standorten des LWL-Industriemuseums. Die gleichnamige Hauptausstellung läuft aktuell auf der Zeche Zollern in Dortmund.

„Den philosophischen Überbau bildet die Vorstellung, dass jedes Ende auch immer die Chance eines Neuanfangs bietet", erläuterte Kuratorin Delia Pätzold bei der Vorstellung der Ausstellung in Hattingen. Meilensteine der Hüttengeschichte werden in der Schau auf dieses Prinzip hin befragt.

Mit der Gründung des Hüttenwerkes begann 1854 eine wechselhafte Geschichte voller Umbrüche. Innovative technische Verfahren wurden entwickelt, etabliert und wieder abgelöst. Die Besitzer wechselten, von Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode zu Henschel & Sohn, Ruhrstahl, Rheinstahl bis zur Thyssen AG - der Name „Henrichshütte“ blieb erhalten. Der wirtschaftliche „Boom“ der Henrichshütte veränderte auch die Hattinger Ruhrlandschaft: Als 1959 der Ruhrverlauf verlegt wurde, um das Produktionsgelände des Hüttenwerkes zu vergrößern, spiegelt dies die zeitgenössischen Prioritäten wider. Pätzold: „Heute wird diskutiert, sich dem ursprünglichen Zustand durch Renaturierung wieder anzunähern.“

Mit der Stilllegung der Henrichshütte ab 1987 begann ein neues Kapitel: Die Henrichshütte wurde Standort des LWL-Industriemuseums. Nicht länger als Produktionsstätte, sondern als Schauplatz für Bildung und Kultur, entwickelte sich die Hütte über die Grenzen der Stadt Hattingen hinaus zum gesellschaftlichen Ankerpunkt. „Auch das Museum selbst vollzieht in dieser Zeit eine Wandlung“, betont LWL-Museumsleiter Robert Laube, „von der Asservatenkammer der Vergangenheit zum Forum für die Menschen“.

Filme, Objekte und Geschichten
Filmdokumente, Fotos und Objekte veranschaulichen in der Schau den Wandel: der Spaten von der Grundsteinlegung, der Eisenträger vom Abriss des Stahlwerkes ebenso wie Objekte, die die persönlichen Geschichten der Menschen erzählen, in deren Leben die Hütte eine Rolle spielte und noch immer spielt. Laube: „Das sind Erinnerungsstücke, die weit über ihren materiellen Wert hinaus eine emotionale Bedeutung besitzen und als materielle Zeugnisse zeigen, dass die Henrichshütte auch über 30 Jahre nach der Stilllegung noch ihren Platz im kollektiven Gedächtnis der Region hat.“

Mit der „Cupola“ - dem „Fenster zum All“ - kommt außerdem ein ganz besonderes Objekt aus der Endphase der Hüttenproduktion zur Henrichshütte zurück: Die „Cupola“ wurde im Jahr 2000 von der VSG Energie- und Schmiedetechnik in Hattingen gefertigt und ist eine baugleiche Version der Beobachtungskuppel der internationalen Raumstation ISS. Sie bietet mit ihren sechs seitlich angebrachten Fenstern und einem etwa 80 Zentimeter großen Fenster auf dem „Dach“ einen Panoramablick auf die Erde.

„In dieser Ausstellung geht es um Wandel und unsere Haltung zu ihm. Veränderung ist Arbeit, kein Schicksal“, erklärt Monika Schnieders-Pförtzsch, stellvertretende Vorsitzende der LWL-Landschaftsversammlung.

Begleitprogramm
Unter dem Titel „Ruhriydll, Rüstungsbetrieb, Rostiger Riese?“ bietet das LWL-Industriemuseum jeden Samstag um 15 Uhr eine offene Führung für interessierte Besucher an. Unter dem Motto „Streiten, streiken, diskutieren, Meinungen und Transparente machen“ gibt es außerdem ein besonderes Angebot für Schulklassen: Nach einem Rundgang durch die Ausstellung entwickeln die Museumspädagogen gemeinsam mit den Jugendlichen Parolen und gestalten dazu passende Transparente.

Boom! Die Hütte zwischen Abbruch und Aufbruch
24.5.-3.11.2019

LWL-Industriemuseum Henrichshütte Hattingen
Werksstraße 31-33
45527 Hattingen

www.allesnurgeklaut.lwl.org

Die Henrichshütte Hattingen ist ein Ankerpunkt der Route der Industriekultur.