Königreich Beisen

Königreich Beisen. Foto: RIK/ R. Budde
Königreich Beisen. Foto: RIK/ R. Budde

"So genau weiß kaum jemand, wo die Grenzen dieses Territoriums liegen. Einen König von Beisen oder eine Königin ist auch nicht bekannt. Es könnt gerade der- oder diejenige sein, der oder dem wird wir jetzt gerade begegnen. Dieses Geheimnis wird uns wohl niemand verraten. Aber auf der Existenz des Köngreichs Beisen werden alle Anwohner dieses Gebietes bestehen. "Beiden", das war hier einmal ein Flurstück, dessen Name sich vermutlich aus den Binsen ableitet hat. Diese im Sumpf der Emscherniederung wachsenden Gräser waren hier häufig anzutreffen und prägten das Bild der Landschaft. Im Schatten des dritten Fördergerüsts der Zeche Zollverein entfaltete sich seit 1882 ein neues Leben. Hier boomte die Schachtanlage bis zur Jahrhundertwende und förderte mit 707 684 t Kohle schon deutlich mehr als die alte Schachtanlage Zollverein 1/2. Vielleicht hat sich in dieser Zeit das Gefühl einer humorvoll, trotzigen Unabhängigkeit des Königreichs Beisen gebildet. Die Bergleute wohnten in wenigen Häusern und einer "Kaserne", die nicht von Zollverein gebaut worden waren. Am Rande des Landkreises Essen und der Provinz Rheinland, also im Grenzgebiet, begannen die Beisener schon früh ihre besondere Identität zu pflegen. Noch heute kann man sie darauf ansprechen. "Jaaa, das Königreich Beisen …" werden sie ihre Geschichte der besonderen mentalen Autonomie dieses Fleckchens Erde mitten im Ruhrgebiet beginnen.  

Königreich Beisen. Foto: RIK/ R. Budde
Königreich Beisen. Foto: RIK/ R. Budde

So zeigt sich das komprimierte Bild des Leben und Wohnens im Schatten der Fördertürme Zollvereins. Die Arbeitersiedlung Kraspothstraße und Röckenstraße entstand im Jahr 1903. Über 50 Jahre lang gestaltete sich hier der Rhythmus des Lebens, vergleichbar dem anderer Arbeitersiedlungen in der Kulturlandschaft Zollverein. Bis die Werkszeitschrift der Rheinelbe Bergbau AG, zu der auch Zollverein gehörte, am 28. März 1958 neue Pläne für den zukünftigen Zollverein-Wohnungsbau vorstellte. Im Wirtschaftwunder der Nachkriegzeit wurde endlich ein gewaltiges Bauprogramm begonnen, damit zum erstenmal allen Familien der Belegshaftsmitglieder eine eigene Wohnung angeboten werden konnte. Die Flächen für neue Siedlungen waren knapp geworden und so galt das Wort "Not macht erfinderisch". Die Planer der Rheinisch Westfälischen Wohnstätten AG schlugen einen Bebauungsplan für den Bereich der alten Bergarbeitersiedlung vor. Dieser sah vor, am Ende der beiden Straßen, deren alte Bebauung an der Grenze des Essener Stadtgebiete abrupt endete, mehrgeschossige Mietshäuser auf Gelsenkirchener Gebiet zu errichten. Damit nicht genug, denn die Wohnungsbaugesellschaft verplante auch die vielgeliebten Gärten der alten Häuser. Auf diesen großen Flächen sollten ebenfalls mehrgeschossige Mietshäuser entstehen. Die neuen Wohnungen darin waren modern und konnten den Komfort bieten, von dem in den alten Siedlungshäusern nur geträumt worden war. Dies war ein starkes Argument, sich für das neue und offensichtlich besser erscheinende Wohnen zu entscheiden. Es dauerte hier noch bis zum Jahr 1964 bis die Mieter in die Wohnungen der Mietshäuser zwischen den alten Siedlungshäusern einziehen konnten.  

Königreich Beisen. Foto: RIK/ Guntram Walter
Königreich Beisen. Foto: RIK/ Guntram Walter

Die Wohnungsbaugesellschaften im Bereich des Grubenfeldes Zollverein bilanzierten aber schon 1959 einen gewaltigen Erfolg in ihrer Arbeit, neuen Wohnraum für die Bergmannsfamilien zu schaffen. Von 1948 bis 1958 waren allein auf Zollverein 3 266 neue Wohnungen entstanden. Die Rheinisch Westfälische Wohnstätten AG zählte den Bereich Rheinelbe Bergbau AG insgesamt 9 197 neue Wohneinheiten. Für die Zechen Nordstern, Graf Moltke, Holland-Rheinelbe-Alma, Pluto, Zollverein und Bonifacius war in zehn Jahren eine neue Stadt entstanden. 

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Kontakt & Infos

Königreich Beisen
Beisenstraße
45327 Essen-Katernberg

ÖPNV

Von Essen Hbf mit Straßenbahn 107 bis "Abzweig Katernberg", dann ca. 14 Minuten Fußweg.