Pestalozzisiedlung

Pestalozzisiedlung. Foto: RIK/ Guntram Walter
Pestalozzisiedlung. Foto: RIK/ Guntram Walter

Die Pestalozzisiedlung, die die Häuser an dem gleichnamigen Weg sowie an den Straßen Im Grund und Neuhof umfasst, geht auf die Idee des Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) zurück, verwaiste und entwurzelte Jugendliche in Familien zu integrieren und aufwachsen zu lassen. Im Ruhrgebiet griff man sein Konzept nach dem Zweiten Weltkrieg auf, als zum einen durch die Kriegswirren eine große Zahl von Jugendlichen heimat- und elternlos geworden war und es gleichzeitig im Bergbau an - vor allem jungen Arbeitskräften mangelte. In der Koppelung von Ausbildungsplatz und Integration in eine Familie sah man für beide Probleme eine Lösung. Mit diesem Modell sollte auch das ungeliebte Lehrlingsheim umgangen werden, was allerdings nicht gelang. Denn die Anzahl der Jugendlichen, die untergebracht werden musste, war größer als das Angebot an "Pestalozzifamilien", die nicht nur zur Verfügung stehen, sondern für die zunächst geeigneter Wohnraum geschaffen werden musste.

Erste Pestalozzisiedlungen entstanden zu Beginn der 1950er Jahre in Dinslaken und Bochum, sieben Jahre später gab es 22 im Ruhrgebiet. Mit der Bergbaukrise 1957 verlor dieses Modell seine Bedeutung, denn Arbeitskräfte wurden nun nicht mehr gesucht, sondern entlassen. Die Pestalozzisiedlungen stehen damit nicht nur für eine bestimmte pädagogische Ausrichtung, sondern sind Zeitdokumente für den Wiederaufbau des Ruhrgebiets.

Die Zollvereiner Pestalozzisiedlung entstand zu Beginn der 1950er Jahre: 1953 waren die ersten 6 Häuser bezugsfertig, zwei Jahre später umfasste die Siedlung 15 Doppelhäuser für 30 Familien. Die Siedlung mit ihrem "Dorfanger" und auch die architektonische Gestaltung der Häuser bringen den Grundgedanken des Bewahrenden und Beschützenden zum Ausdruck. Die Raumaufteilung der Doppelhaushälften orientiert sich an der besonderen Familienkonstellation. Im Erdgeschoss, in Küche und Gemeinschaftsraum, spielte sich das Familienleben ab, hier hatten aber auch die Pestalozzieltern ihre eigenen Zimmer. Im oberen Geschoss teilten sich jeweils sechs Jugendliche zwei Räume. Zu jeder Wohneinheit gehörte ein großer Nutzgarten, Hühner- und Schweinestall. Dabei ging es nicht allein um die Versorgung der großen Familie, sondern auch um pädagogische Zielsetzungen. Die Jugendlichen sollten mit der traditionellen Lebensweise des Bergmanns vertraut werden und dazu gehörte auch die Gartenarbeit nach Feierabend. Um diesem Konzept gerecht zu werden, hatte die Werksleitung die Pestalozzieltern sorgfältig unter der Belegschaft ausgewählt. Schließlich ging es darum, den Jugendlichen Halt zu geben, ihnen Familien- und Gemeinschaftssinn sowie "bergmännische" Werte zu vermitteln. Dabei kam vor allem dem Pestalozzivater als Bergmann eine besondere Vorbildfunktion zu.

Auch für den "laufenden Betrieb" der Siedlung hatte die Werksleitung gewissermaßen einen Plan entwickelt. Eine günstige Miete und Kostgeld erleichterten den Eltern die Wirtschaft. Für die Belange der Jugendlichen, die über das Familienleben hinausgingen, war ein "Dorfleiter" zuständig, der u.a. auch das Taschengeld auszahlte, und ein "Dorfparlament" regelte das gemeinschaftliche Leben, für das auch ein Gemeinschaftshaus zur Verfügung stand. Ob Paddelbootbau, Foto-AG oder Fußball, Feste oder gemeinsame Reisen - Freizeitaktivitäten spielten in der Pestalozzisiedlung eine große Rolle. 

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Kontakt & Infos

Pestalozzisiedlung
Pestalozziweg
45327 Essen-Katernberg

ÖPNV

Von Essen Hbf mit Straßenbahn 107 bis "Abzweig Katernberg", dann ca. 6 Minuten Fußweg.