Baukunstarchiv NRW

Königliches Oberbergamt Dortmund, Ansichtspostkarte von 1901. Quelle: Sammlung Wolfgang Kienast. Mit freundlicher Unterstützung des bodo e.V.,Dortmund
Königliches Oberbergamt Dortmund, Ansichtspostkarte von 1901 Quelle: Sammlung Wolfgang Kienast. Mit freundlicher Unterstützung des bodo e.V.,Dortmund

Ab 2018 dokumentiert, erforscht und diskutiert das Baukunstarchiv NRW in Dortmund das Architekturschaffen des Landes. Dass Architektur immer auch gebaute Geschichte ist, dafür ist das Gebäude am Dortmunder Ostwall, das die neue Institution beherbergen wird, selbst das beste Beispiel. In ihm verbinden sich Industrie und Kultur auf eine für das Ruhrgebiet symptomatische Art und Weise.

Als „Museum am Ostwall“ entstand das kleine Haus, wie es heute überliefert ist, in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Gründungsdirektorin Leonie Reygers baute buchstäblich aus Trümmern ein weit über die Grenzen Deutschlands hinaus renommiertes Museum auf. Es war das erste neue Museum für Gegenwartskunst, das in Deutschland nach dem Krieg 1949 seine Pforten öffnete.

Die Mauern der Kriegsruine, die Reygers zum Museum umarbeitete, verweisen auf die Zeit, in der das Ruhrgebiet seinen großen Aufschwung erlebte. Sie stammen von einem monumentalen Verwaltungsbau, dem Königlichen Oberbergamt, das 1872 bis 75 nach einem Entwurf des Berliner Architekten Gustav Knoblauch errichtet wurde. Diese Behörde hatte für die Region herausragende Bedeutung. Das Landesoberbergamt nahm die Berghoheit wahr, sie regelte und überwachte alles, was unter Tage stattfand: also wer was wo und wie abbauen durfte.

Nicht nur die repräsentative Lage am neu angelegten Wallring, auch die Tatsache, dass man für den Entwurf einen Architekten aus der Hauptstadt beauftragte, zeugte von der Bedeutung der aufstrebenden Behörde. Knoblauch entwarf einen stattlichen Solitär mit repräsentativer Klinkerfassade. In der Mittelachse zierte ein Medaillon mit dem bergmännischen Symbol „Hammer und Schlegel“ das Attikageschoss. Der Verwaltungsbau war mit vier Stockwerken deutlich höher als das heutige Gebäude und enthielt Amtsräume für 80 Mitarbeiter. Außerdem wohnte der Direktor, Berghauptmann August Bernhard Heinrich Prinz von Schönaich-Carolath, mit seiner Familie in seinem Amtssitz. Lange nutzte die Behörde das Haus allerdings nicht, da der Bergbau (und damit die Behörde) mit unverminderter Geschwindigkeit weiter wuchs. Schon 1910 bezog man ein neues, noch größeres Gebäude an der Goebenstraße.

Museum am Ostwall in der Kriegsruine, Foto 1954. Foto: Erich Angenendt, Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund
Museum am Ostwall in der Kriegsruine, 1954. Foto: Erich Angenendt, Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund

Das stattliche Haus ging in städtischen Besitz über, und bald kam man auf die Idee, hier das Städtische Kunst- und Gewerbemuseum einziehen zu lassen. Zu diesem Zweck baute der Stadtbaurat Friedrich Kullrich 1911 anstelle des Innenhofs einen zweigeschossigen Lichthof ein. Dieser architektonische Kunstgriff verwandelte den Verwaltungsbau in ein repräsentatives Museumsgebäude. Von Außen blieb das Haus jedoch unverändert, man zollte der industriellen Vergangenheit Respekt. Kullrichs Umbau ist vermutlich das erste Beispiel für die Umnutzung eines Industriedenkmals für kulturelle Zwecke im Ruhrgebiet.

Das Museum wurde im Krieg schwer beschädigt. Wie durch ein Wunder blieb der zentrale Lichthof dabei fast unversehrt. Hier richtete Leonie Reygers unter tatkräftiger Mithilfe von Dortmunder Bürgern einen provisorischen Veranstaltungsraum ein, um in der zerstörten Stadt erste Kulturveranstaltungen zu ermöglichen, bevor sie begann, das Museum rundherum Schritt für Schritt neu aufzubauen. Ihr Haus war kleiner und niedriger als sein Vorgänger und gab sich betont bescheiden, um sich von der Kunstauffassung der Nationalsozialisten zu distanzieren. Große Glasflächen öffneten sich zur Stadt und zum Garten, um eine demokratische Teilhabe aller Stadtbürger an der Kunst zu ermöglichen.

Baukunstarchiv NRW in Dortmund, Foto 2013. Foto: Detlef Podehl, TU Dortmund
Baukunstarchiv NRW in Dortmund, Foto 2013. Foto: Detlef Podehl, TU Dortmund

Seit dem Umzug des Museums in neue Räumlichkeiten im „Dortmunder U“ im Jahr 2010 stand das inzwischen etwas unmodern gewordene Haus leer. Beinahe wäre es abgerissen worden. Ein breites Bündnis engagierte BürgerInnen und Fachleute konnte dies verhindern. Eine Bürgerinitiative sammelte über 8.500 Unterschriften für den Erhalt des Hauses, der Dortmunder „Tatort“-Kommissar Jörg Hartman hielt im Fernsehen eine flammende Rede, überregionale Zeitungen berichteten. So wurde nach langem Ringen mit dem Baukunstarchiv NRW eine adäquate neue Nutzung gefunden. Dadurch konnte der Erhalt des geschichtsträchtigen Baus gesichert werden.

Im Zuge der Kämpfe um den Erhalt des identitätsstiftenden Hauses wurde auch dessen verwickelte Geschichte näher beforscht. Und so lässt sich heute folgendes feststellen: Die Teile des aufgehenden Mauerwerks, die noch vom Oberbergamt von 1875 stammen, machen das Haus zum ältesten Profanbau der Dortmunder Innenstadt. Der zentrale Saal mit Lichtdecke und Galerie stammt aus dem Museumsumbau von 1911 und ist der einzige erhaltene öffentliche Saal aus der Kaiserzeit in der Innenstadt. Und das Museum am Ostwall, das alle älteren Teile zu einem neuen Ganzen formte, wurde von Hannelore Schubert in ihrem Buch Moderner Museumsbau. Deutschland, Österreich, Schweiz 1986 treffend als „Denkmal der Baugesinnung unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs“ gewürdigt und als „Zeugnis einer ersten Bürgerinitiative für moderne Kunst“.

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Kontakt & Infos

Baukunstarchiv NRW
Ostwall 7
44135 Dortmund
gGmbH Baukunstarchiv NRW
Zollhof 1
40221 Düsseldorf
Telefon: +49 (0) 211 / 49 67-822

ÖPNV

U-Bahn-Linie U45 bis „Kampstraße“, dann U43 bis „Ostentor“, Fußweg ca. sechs Minuten bis Ostwall

TIPP

Die Geschichte des Hauses ist ausführlich nachzulesen in:
Sonja Hnilica: Das Alte Museum am Ostwall. Das Haus und seine Geschichte
Essen: Klartext Verlag 2014
144 Seiten, 122 teilweise farbige Abbildungen, 19,95 €
ISBN: 978-3-8375-1307-3