Altkatholische Friedenskirche Essen

Altkatholische Friedenskirche. Foto: RIK / R. Budde

Die alt-katholische Friedenskirche zählt zu den wenigen im Ruhrgebiet erhaltenen innerstädtischen Bauten einer reformorientierten Moderne und steht deswegen seit 1985 unter Denkmalschutz. Sie bot als städtebauliches multifunktionales Ensemble etwas, das heute als mixed use im Munde aller Stadtplaner ist. Die Innenausstattung der Kirche aus Farbe, Glas und Mosaik ist wegen ihrer Modernität für ein sakrales Gebäude deutschlandweit ein Unikat.

Die alt-katholische Friedenskirche verdankt ihre Existenz dem 1. Vatikanischen Konzil von 1870, das die Unfehlbarkeit des Papstes als Dogma verkündete. Weil sie diese neue Lehre nicht akzeptieren wollten, spalteten sich die „Alt-Katholiken“ von der römisch-katholischen Kirche ab. Im Kulturkampf wurden sie von Bismarck und den Nationalliberalen gefördert. So kam es auch in Essen 1872 zur Gemeindegründung. Im November 1873 hielt sie ihren ersten Gottesdienst in der evangelischen Pauluskirche und 1876 sprach ihr die preußische Regierung die katholische St. Johanniskirche (heute Anbetungskirche) zur Nutzung zu. Dort blieb sie bis zu deren notwendig gewordenen Instandsetzung. So baute ihr die Stadt Essen 1914-1916 eine eigene Kirche und anerkannte damit die Stabilität der altkatholischen Gemeinde, auch nachdem Staat und römisch-katholische Kirche wieder in den 1880er Jahren Frieden geschlossen hatten. Die Stadt Essen verfolgte damit ein städtebauliches Konzept der östlichen Innenstadterweiterung. Zur „Verschönerung des Stadtbildes“ sollte an dem neu zu fassenden Platz mit dem bereits bestehenden Jahrhundertbrunnen anlässlich der 100-jährigen Unabhängigkeit der Stadt vom Stift Essen und der im Bau befindlichen Synagoge sowie der an die Synagoge sich anschließenden, noch nicht fertig gestellten Erweiterung der Oberrealschule und der gegenüberliegenden, ebenfalls unfertigen städtischen Badeanstalt der Anschluss geschaffen werden an die anliegende Bebauung. Dazu zählte das bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erbaute Kolpinghaus an der Steeler Straße, sowie der 1912 errichtete Bau des Hospizes des katholischen Gesellenvereins an der Bernestraße (seit den 1970er Jahren Katholisches Stadthaus). Die Unterhaltungskosten übernahm die Stadt, die auch Eigentümerin des Grundstücks blieb und der Alt-Katholischen Gemeinde für das eigentliche Kirchengebäude im engeren Sinne ein Erbbaurecht einräumte.

Das Besondere des Konzeptes war die Vielfalt der Nutzungen, die in das Bauprojekt integriert wurden, denn bei der Alt-Katholischen Kirche handelte es sich nicht einfach um einen Sakralbau, sondern um einen multifunktionalen Komplex mit einer Vielzahl städtischer Funktionen: So kam zum eigentlichen Sakralraum für 300 Personen ein Gemeindesaal (die heutige Unterkirche), eine Schule für die alt-katholische Gemeinde, sowie in den darüber liegenden Geschossen die Pfarrwohnung und Wohnung für den Lehrer. Die erhöhte Lage ließ Ladenräume im Erdgeschoss an der Berne- und Steeler Straße zu. Die Unterkirche war schon damals für städtische Veranstaltungen gedacht – und hat diese Funktion über Zerstörungen und Restaurierungen hinweg bis heute erhalten.

Städtebaulich steht die Kirche in ihrer Formensprache vor allem durch subtile Unterschiede in Bezug zur benachbarten Synagoge. Beide Gebäude bilden durch Rück- und Vorsprünge, konvexe und konkave Bauelemente den Rahmen des Platzes, wobei die Synagoge eher als hervorspringender Körper, die Kirche hingegen als zurückspringende Raumfolie wirkt.

Jeder Bauaufgabe ist ein möglichst signifikanter Bautyp zugeordnet und die Höhenstaffelung markiert die unterschiedlichen Bereiche: Der Turm als Achse und Verteiler überragt beide Baukörper, dann folgt in der Höhe das Kirchenschiff, zuletzt der Schul-/Wohn-/Geschäftsbau.

Architekt war Albert Ebbe, der in enger Absprache mit dem Erbauer der Synagoge und Essener Baurat Edmund Körner arbeitete und sich am schlichten Baustil des 18. Jahrhunderts orientierte. Die ornamentale Innenausstattung im Jugendstil und der Altar stammen von Jan Thorn Prikker. Sein Goldmosaik im Altarraum wurde von der Familie Krupp-von Bohlen-Halbach gespendet. Bei der letzten Renovierung ab 2002, die die Alt-Katholiken in NRW allein stemmten, entdeckte der Architekt Peter Brdenk, dass die kleinen Fensterscheiben in einem dreiteiligen schmalen Fenster der rechten Sakristei von Prikker stammen, die als einzige somit noch existieren. Nach ihrem Muster waren auch die Fenster der Hauptkirche gestaltet.

Den Abschluss der Renovierung bildete die Wiederherstellung der ursprünglichen Turmspitze 2010.

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Kontakt & Infos

Altkatholische Friedenskirche Essen
Bernestr. 1
45127 Essen
Telefon: +49 (0) 201 / 22376-3

Öffnungszeiten

nach Absprache, Führungen 3€ p.P.

ÖPNV

Von Essen Hbf 5 Minuten Fußweg