Schauspielhaus Bochum

Foto: Jürgen Landes

1904 begann der Bauunternehmer Clemens Erlemann mit der Erschließung des Ehrenfelds, eines neuen Stadtteils südlich des ehemaligen Bochumer Hauptbahnhofs als Wohngebiet für die bürgerliche Mittel- und Oberschicht. Um den besonderen Charakter des Ehrenfelds herauszustellen, ließ Erlemann mit Unterstützung der Stadt nach Plänen des Architekten Paul Engler ab 1907 ein Varieté-Theater in opulenten Jugendstilformen errichten. Schon bald nach der Eröffnung einer der größten Bühnen des Ruhrgebiets zeigte es sich, dass das Konzept mit unterhaltsam-volkstümlichen Stücken am Publikumsgeschmack vorbeilief. Ausschlaggebend für die fehlende Resonanz in der Bevölkerung waren aber auch die extrem schlechte Akustik des Gebäudes, die in keiner Weise den Anforderungen eines Theaters entsprach, sowie die mangelhafte Sicht auf die Bühne. Um das Theater auch als Veranstaltungssaal nutzen zu können, stiegen die Sitzreihen nach hinten nicht wie üblich an, sondern waren ebenerdig aufgestellt.

1909 ging Erlemann mit seinen Bauunternehmungen in Konkurs und musste auch die Bühne schließen, da schon nach kurzer Zeit eine zunehmende Anzahl der 1.400 Plätze regelmäßig freigeblieben war. Seine Frau erwarb das Theater aus der Konkursmasse und führte den Theaterbetrieb mit erneuter Hilfe der Stadt und eines Theatervereins weiter. 1912 pachtete die Stadt Bochum das mittlerweile als „Neues Stadttheater“ bezeichnete Haus, übernahm es schließlich Anfang 1914 und ließ es bis Ende 1915 durch den Kölner Architekten Carl Moritz vollständig umbauen. Dadurch wurde der ehemals reichhaltige Jugendstilkomplex mit seiner Stahlrippenbetonkuppel von 29 Metern Durchmesser in einen neoklassizistischen Bau verwandelt.

Unter dem zwischen 1919 und 1949 amtierenden Intendanten Saladin Schmitt machte sich das Bochumer Stadttheater einen Namen als Shakespeare-Bühne. Schmitt prägte zudem mit der weitgehend werkgetreuen Inszenierung deutscher Klassiker den „Bochumer Stil“. Zwischen 1921 und 1935 bestand eine enge Kooperation mit der Duisburger Oper, die ebenfalls von Schmitt geleitet wurde. Bei dem großen Luftangriff auf Bochum am 4. November 1944 wurde das alte Theatergebäude weitgehend zerstört.

Der Wiederaufbau begann im Juni 1951 am alten Standort auf den vorhandenen Fundamenten, sodass Architekt Gerhard Graubner seine Pläne und insbesondere den Grundriss des neuen Hauses daran auszurichten hatte. Im September 1953 hob sich der Vorhang im neuen Schauspielhaus Bochum zum ersten Mal. Als äußeres Hauptgestaltungselement wählte Architekt Gerhard Graubner die Verklinkerung der Fassaden als Reminiszenz an den Ziegelstein – den Baustoff des Ruhrgebiets seit dem 19. Jahrhundert. Der damit zugleich beschworene demokratisierende Stil, die symbolische Öffnung des Theaters für alle Bevölkerungsschichten, blieb jedoch lange Zeit reine Rhetorik. Ähnliches gilt auch für die Gestaltung des Innenraums, der auf die klassischen Ränge verzichtet und als trennendes Element allein über einen Balkon verfügt. Halbrunde, stark ansteigende Zuschauerreihen erinnern hier an ein römisches Amphitheater.

Als bahnbrechend erwies sich das erstmals in einem deutschen Theater realisierte Konzept eines halbrund vor der Vorbühne angelegten „Eisernen Vorhangs“. Diese aus Gründen des Brandschutzes zur Trennung von Zuschauerraum und Bühne notwendige Einrichtung befand sich bis dahin grundsätzlich hinter der Vorbühne. Durch das neue Arrangement rückten die Bühnenbilder und Schauspieler erheblich näher an den Zuschauer heran. Bei der weiteren Innengestaltung des Hauses wurde die geschwungene Form zum tragenden Gestaltungsmerkmal. Der Bereich zwischen Zuschauerraum und Außenmauer ist in zahlreiche „nierenförmige“ Räume unterteilt. Dazu gehören die Wand- und Deckenleuchten, deren florale Form („Tulpenlampen“) am wirkungsvollsten in zwei Kronleuchtern im Foyer in Erscheinung tritt. Graubner errichtete zwischen 1954 und 1957 auch das hinter dem Schauspielhaus liegende Verwaltungsgebäude der Ruhrstickstoff AG (heute Finanzamt Bochum-Süd) sowie 1966 auf dem dazwischenliegenden Gelände des ehemaligen Hauses Rechen die Kammerspiele mit 400 Plätzen.

Hans Schalla, Intendant von 1949-1972, etablierte in den 1950er und 1960er Jahren Stücke moderner Autoren wie Jean-Paul Sartre und Samuel Beckett. Ihm folgte von 1972-79 Peter Zadek, in dessen Zeit Rainer Werner Fassbinder regelmäßiger Gast in Bochum war. 1972 wurde unter dem Schauspielhaus das „Theater Unten“ als Studiobühne eröffnet. Seine Blütezeit erreichte das Schauspielhaus 1979-1986 unter der Intendanz von Claus Peymann. Sein Bochumer Ensemble mit Stars wie Gerd Voss, Kirsten Dene und Traugott Buhre galt als innovativstes Theater der Bundesrepublik. Peymanns Nachfolger Frank Patrick Steckel prägte ein eher nachdenkliches Theater. Ihm folgten ab 1995 Leander Hausmann, Matthias Hartmann und Elmar Goerden. Seit Beginn der Spielzeit 2010/11 ist Anselm Weber, zuvor Intendant des Schauspiels Essen, Intendant des Schauspielhauses Bochum.

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Telefon: +49 (0) 234 / 3333-5555 (Theaterkasse)

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Tipp

Theatergeschichtliche Sammlung im Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte.
Wittener Str. 47
44789 Bochum
Tel. 0234 / 910 95 00