Zollverein: 20 Jahre Welterbe

Chance und Verantwortung

Vor 20 Jahren wurden Zeche und Kokerei Zollverein in Essen zum UNESCO-Welterbe ernannt. Dies ist der Anlass für den internationalen Kongress "Industrielles Welterbe. Chance und Verantwortung“, den die Stiftung Zollverein gemeinsam mit der Deutschen UNESCO-Kommission am 14. und 15. Oktober ausrichtet. Akteurinnen und Akteure aus der Kultur- und Umweltbranche, Politik, Stadtplanung, Architektur und Wissenschaft sind eingeladen, über die Zukunft industriellen Welterbes zu diskutieren.

Hybride Veranstaltung

Die Tagung findet sowohl in Präsenz vor Ort als auch in digitalen Formaten im Netz statt. Zudem kann sie auf Social Media verfolgt werden:

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Ein Welterbe neuen Typs

Im Zentrum der Veranstaltung auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen stehen zahlreiche Vorträge internationaler Expertinnen und Experten. Prof. Theodor Grütter, Direktor des auf Zollverein beheimateten Ruhr Museums und Vorstandsmitglied der Stiftung Zollverein, erläutert im Interview Details zu dem hybriden Kongress.

Herr Prof. Grütter, 20 Jahre Welterbe Zollverein in Essen: Wie wichtig war und ist die Auszeichnung durch die UNESCO für die weitere Entwicklung Zollvereins? Und wie wichtig ist das UNESCO-Welterbe Zollverein für die Region respektive die Stadt Essen?
Mit der Ernennung Zollvereins zum Welterbe trat die Zeche in die internationale Wahrnehmung. Es war eines der ersten Denkmäler der Industriekultur, dem diese Ehre zuteil wurde und ist bis heute das einzige Welterbe der Region. Für das Ruhrgebiet und die Stadt Essen bedeutete dies eine ungeheure kulturelle Aufwertung, wurde die Geschichte der Region und der ehemals größten Bergbaustadt Europas nun nicht mehr nur als Geschichte des Niedergangs, sondern als bedeutendes Erbe der Menschheit wahrgenommen. Insofern war die Ernennung so etwas wie der Schlüssel zum neuen Selbstwertgefühl der Region.

Welche Herausforderungen waren zugleich mit diesem Titel verbunden? Ein Schwerpunkt des Kongresses ist ja auch das Thema Verantwortung.
Die größte Herausforderung ist sicherlich eine finanzielle, nämlich die Erhaltung dieses gigantischen Areals mit einer Fläche, die doppelt so groß wie das Gebiet der vorindustriellen Stadt Essen ist. Die Sanierung und Instandhaltung der Gebäude und Maschinen, der technischen Infrastruktur und des Geländes hat schon mehrere hundert Millionen Euro gekostet und ist noch lange nicht zum Ende gekommen, es wird ähnlich wie beim Kölner Dom oder anderen bedeutenden Kulturdenkmälern nie enden. Aber vielleicht noch wichtiger als die finanzielle Frage ist die Sensibilität, wie man mit diesem Erbe umgeht. Was muss wie behandelt werden? Was kann verändert und umgenutzt werden? Wohin und zu welchem Zweck? Was kann eventuell verschwinden? Was kann hinzugefügt werden? Was kann hier stattfinden und was nicht? Fragen über Fragen, die ebenfalls nicht enden wollen.

Ziele des Kongresses sind der internationale Austausch und der Wissenstransfer in puncto industrielles Erbe. Was kann Zollverein von anderen Welterbe-Stätten "lernen"? Und andersherum: Was zeichnet Zollverein als Welterbe-Stätte aus, gibt es hier Vorbildfunktionen?
Zollverein ist mit 20 Jahren ein relativ junges Welterbe, zudem ein Welterbe neuen Typs, das im ursprünglichen Welterbekonzept von Kirchen und Schlössern, historischen Stadtkernen und Naturlandschaften ja gar nicht vorgesehen war. Von daher können wir von den Erfahrungen der klassischen Welterbestätten ja nur lernen, vor allem was den Tourismus und die mediale Wahrnehmung angeht. Aber ich glaube, wir können insofern etwas beisteuern, weil wir im Unterschied zu vielen anderen Denkmälern nicht nur für die Entstehungsgeschichte stehen, sondern ein Ort des Wandels sind, der die Gegenwart und die Zukunft des Welterbes mit vermittelt und damit ganz neue Möglichkeiten der Vermittlung und der Nutzung bietet.

Der Kongress setzt verschiedene thematische Schwerpunkte, darunter Erhaltungsstrategien, Transformationsprozesse, Vernetzung und Tourismus. Wie greift diese Veranstaltung diese Themen auf – was erwartet die Besucherinnen und Besucher?
Unser Konzept ist ein mehrstufiges. Zum einen beginnt jede Sektion mit einer theoretischen Einführung von internationalen Experten, die dann durch best practice-Beispiele häufig im internationalen Vergleich vertieft und konkretisiert wird. Und die Ergebnisse werden in zwei Gesprächsrunden zusammengefasst, an denen nicht nur Fachleute und Experten, sondern auch Kulturpolitiker und Vertreter der anderen Welterbestätten teilnehmen.

Sie selbst blicken im Rahmen des Kongresses zurück auf die Anfänge des Transformationsprozesses im Ruhrgebiet und heben hier vor allem das gemeinschaftliche Engagement hervor. Ist ein solcher Prozess Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Strukturwandel?
Ich glaube, dass die dauerhafte Akzeptanz der Industriekultur nur durch die Partizipation der Bevölkerung hergestellt werden kann. Die Antragstellung und die Durchsetzung eines Denkmalstatus ist ja zunächst ein top down-Prozess, der von Kulturverantwortlichen und Experten eingeleitet werden muss. Er wird aber dauerhaft nur von Erfolg sein, wenn er von vornherein oder zumindest im Anschluss von einem bottom up-Prozess unter Einschluss, besser noch aus der Bevölkerung begleitet wird.

 

Weiterführende Informationen zur Veranstaltung:
Die Teilnahme am Kongress ist kostenlos. Er richtet sich an Akteurinnen und Akteure aus der Kultur- und Umweltbranche, Politik, Stadtplanung, Architektur und Wissenschaft sowie an die interessierte Öffentlichkeit. Eine Teilnahme ist digital sowie vor Ort möglich. Die Anmeldung erfolgt über ein Online-Formular unter  www.zollverein.de/congress.
Das Kongress-Programm als  PDF-Datei.
Industrielles Welterbe. Chance und Verantwortung
UNESCO-Welterbe Zollverein, Essen
13. Oktober 2021: Geführte Exkursionen zu zahlreichen Stätten der Industriekultur in der Metropole Ruhr
14./15. Oktober 2021: Internationaler Kongress "Industrielles Welterbe. Chance und Verantwortung"
Veranstalter: Stiftung Zollverein gemeinsam mit der Deutschen UNESCO- Kommission
Förderer: Der Kongress wird gefördert vom Auswärtigen Amt und von der RAG-Stiftung unterstützt. Die Exkursionen werden vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.

Das  UNESCO-Welterbe Zollverein ist ein Ankerpunkt auf der Route Industriekultur.
Alle bisherigen Interviews unserer Reihe "Gespräche zur Route Industriekultur" finden Sie  auf dieser Seite.