Jahrhunderthalle Bochum

Industriedenkmal und Festspielhaus

Ihre Architektur ist einzigartig; ihre heutige Nutzung so vielfältig und spannend, wie es nur gelebte Industriekultur möglich macht: Die Jahrhunderthalle Bochum ist Industriedenkmal und eindrucksvolles Festspielhaus in einem. Was als imposante Ausstellungshalle für die Düsseldorfer Gewerbeausstellung begann, hat sich heute - nach langjähriger Nutzung als Gastkraftzentrale im Bochumer Gussstahlwerk - als Spielort zahlreicher renommierter Kultur- und Veranstaltungsformate etabliert. Eingebettet in den Westpark mit seinem enormen Freizeitangebot steht die Jahrhunderthalle Bochum für erfolgreich umgesetzten Strukturwandel, der zentral mit einem Namen verbunden ist: Bochumer Verein.

Bochumer Verein

1842 gründeten Jacob Mayer und Eduard Kühne die Gussstahlfabrik Mayer und Kühne, Vorläufer des Bochumer Vereins für Bergbau und Gussstahlfabrikation - ab 1858 ein vollständig integriertes Unternehmen mit den Sparten Kohle, Roheisen und Stahl, das immer mehr Menschen beschäftigte: 12.000 im Jahr 1902; 16.500 rund vier Jahrzehnte später. Nach Erwerb der Aktienmehrheit durch die Krupp'sche Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG erfolgte 1966 die Fusion zur Friedrich Krupp Hüttenwerke AG, später Krupp Stahl AG.

Kathedralartiger Pavillon

1902 präsentierte sich der Bochumer Verein bei der Düsseldorfer Industrie- und Gewerbeausstellung mit einem kathedralartigen Ausstellungspavillon. Die für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts typische Stahlkonstruktion beeindruckte vor allem mit den zu Bogenbindern ausgebildeten Trägern, mit opulenten Stuckverzierungen und einem 70 Meter hohen Glockenturm. Nach Ende der Ausstellung wurde die Halle demontiert und 1903 in Bochum erneut aufgebaut, um - ohne Verzierungen und ohne Turm, dafür mit einem zusätzlichen, achten Bogenbinder - als Gaskraftzentrale zu dienen. Der Bochumer Verein folgte damit einer technischen Entwicklung der Zeit und ging zu einer intensiveren Nutzung der Gichtgase über. Mit steigender Stahlnachfrage wurde auch die Halle nach und nach auf die heutige Größe von 158 Metern Länge, 34 Metern Breite und 21 Metern Höhe erweitert.

Wandel durch die IBA Emscher Park

Der letzte Hochofen auf dem Bochumer Werksgelände wurde Ende der 60er-Jahre stillgelegt. Die Maschinen in der damit funktionslos gewordenen Gaskraftzentrale wurden demontiert; die Halle selbst diente bis Anfang 1991 als Lager und Werkstättengebäude der Krupp Stahl AG. Eine Projektgemeinschaft aus Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) und Stadt Bochum nahm sich der Industriebrache an. Das Projekt "Innenstadt-West" sowie die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park brachten Veränderungen letztlich auch für die Jahrhunderthalle, deren einzigartiger Innenraum nach der Sanierung erhalten blieb.

Als Ankerpunkt steht die Jahrhunderthalle Bochum sowohl für das Repräsentationsbewusstsein jener Unternehmen, die zentral die Industralisierung des Ruhrgebiets vorantrieben, als auch für den gelungenen Strukturwandel.

Ruhrtriennale und Fahrradsommer

Nach umfangreichen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen machen heute reversible Vorhänge eine Unterteilung der insgesamt fast 10.000 Quadratmeter in drei unterschiedlich große Hallen möglich. Zwei Neubauten ergänzen die Jahrhunderthalle von außen: Auf dem südlichen Vorplatz entstand entlang Saal 1 ein vollständig unterkellertes, zweigeschossiges Foyergebäude; ein zweiter Anbau entstand in Verlängerung zum Wasserturm hin. Heute dient die Jahrhunderthalle Bochum als Veranstaltungsort für Messen, Konzerte oder Aufführungen. Seit 2003 ist sie unter anderem zentrale Spielstätte des renommierten Musik- und Theaterfestivals Ruhrtriennale. Zudem fungiert die Halle als Stammhaus für die Show "Urbanatix" und liefert alljährlich zum Auftakt der Saison die perfekte Kulisse für den Fahrradsommer der Industriekultur.

Die Jahrhunderthalle Bochum ist Standort folgender Themenrouten:

Tipps für Ihren Besuch

Der Westpark an der Jahrhunderthalle Bochum.

Westpark

Der zwischen 1999 und 2007 entstandene Park krönt die Umgestaltung eines Terrains, das zuvor über 130 Jahre der Produktion von Roheisen und Stahl gedient hatte. Der Westpark ist zentral in das radrevier.ruhr eingebunden und lässt über den "Geschichtspfad Westpark" die entscheidenden Kapitel der Historie lebendig werden. Er ist auch Standort der Themenroute 24: Industrienatur.

Themenroute 24
Die Versorgungsschächte der Jahrhunderthalle sind zu einem Teil für Besucher sichtbar gemacht worden.

Unterwelten

Eines der Highlights des touristischen Angebots an der Jahrhunderthalle Bochum führt tief hinein in die Katakomben der imposanten Industrieanlage - und in die Dunkelheit: Die regelmäßig stattfindenden Stirnlampenführungen in die ehemaligen Versorgungsschächte geben Einblick in das weit verzweigte Tunnelsystem, das einst die unterirdischen Produktionsstätten mit den Betriebskellern verband.

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Europas größter historischer Indoor-Jahrmarkt in der Jahrhunderthalle Bochum.

Jahrmarkt

Jahr für Jahr begeistert er unzählige Besucher und verbindet auf ganz eigene Weise Industrie- mit Kirmesgeschichte: der Historische Jahrmarkt in der Jahrhunderthalle Bochum. Europas größter historischer Indoor-Jahrmarkt fährt Kettenkarussells, Holzriesenräder und Wurfbuden auf, lässt Drehorgelmusik erklingen und die Balken der alten Fahrgeschäfte in jeder Kurve stilecht knarren.

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Beim EisSalon Ruhr können Anfänger und Fortgeschrittene auf einer 1.530 qm große Eisfläche in der Kulisse der ehemaligen Gaskraftzentrale Schlittschuh laufen.

EisSalon Ruhr

Die Kulisse ist spektakulär: Von Dezember bis Januar herrschen in der Jahrhunderthalle Bochum eisige Temperaturen. Denn dann verwandelt sich das Bochumer Industriedenkmal in eine einzigartige, 90 Meter lange Eislaufhalle, den EisSalon Ruhr. Zum Konzept gehören zudem Eisstockschießen und Eis-Discos; zwei Plattformen ermöglichen auch Rollstuhlfahrern den Zugang zur Eisbahn.

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Jahrhunderthalle Bochum
info@jahrhunderthalle-bochum.de
+49 (234) 3693100
An der Jahrhunderthalle 1, 44793 Bochum
Menschen und Macher: Jacob Mayer, Eduard Kühne, Hedwig Baare

Menschen und Macher: Jacob Mayer, Eduard Kühne, Hedwig Baare

Jacob Mayer

Sohn eines Landwirts und gelernter Uhrmacher: Jacob Mayers Vita (1813-1875) lässt auf den ersten Blick nicht vermuten, dass ausgerechnet Gussstahl den unternehmerischen Erfolg Mayers begründen würde. Nach umfassenden Recherchen in Sachen Tiegelgussstahl in England eröffnete er 1838 in Köln zunächst eine provisorische Hütte; vier Jahre später wagte er mit Eduard Kühne den Schritt zur eigenen Fabrik im Ruhrgebiet. Als Technischer Direktor des Bochumer Vereins zeichnete er Anfang der 1850er-Jahre mit der Entwicklung des Stahlformgusses für eine technische Innovation verantwortlich, die auf der Pariser Weltausstellung 1855 enorme Erfolge feierte. Erstmals konnten hochwertige Stahlprodukte ohne den bis dahin üblichen arbeitsintensiven Schmiedeprozess hergestellt werden. Vor allem die Gussstahlglocken sorgten für weltweites Renommee - Mayer wurde dafür etwa mit dem Gregorius-Orden ausgezeichnet.

Eduard Kühne

Eduard Kühne wurde 1810 in Magdeburg geboren. Nachdem Eberhard Hoesch als möglicher Teilhaber zurückgetreten war, wurde Jacob Mayer 1842 mit Kühne vertraglich einig. Der gelernte Kaufmann war nicht nur selbst durchaus vermögend, sondern wusste auch eine wohlhabende Familie hinter sich. Die Entscheidung, gemeinsam eine Gussstahlfabrikation aufzubauen, ging mit einer klaren "Arbeitsaufteilung" einher: Während Mayer die technischen Aufgaben oblagen, übernahm Kühne den merkantilistischen Bereich. Anders als sein Teilhaber schien er mit dem ihm zugewiesenen Ressort jedoch überfordert; immer wieder musste frisches Kapital, auch aus Kühnes Verwandtschaft, aufgebracht werden. 1854 wurde das Unternehmen daher schlussendlich in eine AG umgewandelt. Die Leitung übernahm fortan Louis Baare. Kühne gehörte zunächst dem Verwaltungsrat an, schied aber 1858 wegen Kompetenzstreitigkeiten aus. Er verlor sein Vermögen bei Spekulationen und starb - trotz finanzieller Unterstützung durch den Bochumer Verein - 1883 als armer Mann.

Hedwig Baare

Hedwig Wilhelmine Heintzmann (1861-1948) entstammte einer bekannten Bochumer Familie und heiratete 1882 Fritz Baare, der seinem Vater Louis 1895 auf den Posten als Generaldirektor des Bochumer Vereins nachfolgen sollte. Hedwig Baare machte sich in der Stadt vor allem durch ihr großes soziales Engagement einen Namen: Sie war Mitglied im Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins des Roten Kreuzes, den sie ab 1908 auch leitete, und initiierte in dieser Position die Einrichtung einer Kleinkinder- sowie einer Näh- und Handarbeitsschule. Außerdem gehen Erholungsrichtungen für Mütter und Kinder, Kranken- und Wöchnerinnen-Pflegeeinrichtungen, Notstandsküchen, ein Lazarett, ein Soldatenheim und eine Bahnhofsverpflegung auf ihren Einsatz insbesondere im Ersten Weltkrieg zurück. Baare lebte bis zu deren Beschlagnahmung im Jahr 1945 in der Villa Baare in Bochum-Wattenscheid.

Fahrradsommer der Industriekultur