LVR-Industriemuseum St. Antony-Hütte Oberhausen

Die älteste Eisenhütte im Ruhrgebiet

Sie zählt zu den wichtigsten Zeugen für die frühindustrielle Entwicklung der Region: Die St. Antony-Hütte in Oberhausen ist die älteste Eisenhütte im Ruhrgebiet. Als Standort des LVR-Industriemuseums erzählt sie heute gleichermaßen von anfänglichen Produktionsschwierigkeiten wie von revolutionärer technischer Innovation, etwa der erstmaligen Nutzung eines Kupolofens für die Herstellung von Gusseisen. Zugleich ist die Geschichte der Hütte mit der Geschichte wesentlicher Persönlichkeiten der Ruhrgebietsgeschichte verknüpft, allen voran mit jener Gottlob Jacobis. Und wer sich vor Ort auf Entdeckungsreise begibt, folgt schnell den Spuren hart umkämpfter Besitzverhältnisse - und erlebt einen echten Wirtschaftskrimi.

Jüngster Ankerpunkt der Route

Pünktlich zum Ende des Jubiläumsjahres - die Route Industriekultur feierte 2019 ihr 20-jähriges Bestehen - wurde die St. Antony-Hütte zum 26. Ankerpunkt ernannt. Nach zwei Jahrzehnten der erste Standort im Ruhrgebiet, dem diese Anerkennung zuteil wurde. Das Bewertungsgremium bescheinigte dem Oberhausener Schauplatz des LVR-Industriemuseums eine außergewöhnliche industriegeschichtliche Bedeutung. Das LVR-Industriemuseum hat insgesamt sieben Standorte, darunter die Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen, ein weiterer Ankerpunkt der Route.

Wiege der Ruhrindustrie

Franz Ferdinand Lambert Nicolaus Freiherr von der Wenge zu Enckingmühlen und Dieck (1707-1788), Domkapitular in Münster, wusste als erster die Eisensteinvorkommen in Osterfeld wirtschaftlich zu nutzen. 1741 stellte er beim Erzbischof zu Köln Antrag auf Abbau; 1753 erhielt er die Konzession zum Bau einer Eisenhütte. Doch erst fünf Jahre später, am 18. Oktober 1758, konnte auf St. Antony erstmals der Hochofen angeblasen werden: Zisterzienserinnen aus einem bachwärts liegenden Kloster hatten aus Angst um ihre Fischzucht gegen die Inbetriebnahme der Hütte geklagt, waren jedoch letztlich erfolglos geblieben. 120 Jahre lang sollte auf Antony, der "Wiege der Ruhrindustrie", fortan Eisen verhüttet werden. Nach von der Wenges Tod 1788 erhoben aufgrund ihrer jeweiligen Verhandlungen mit den Erben gleich mehrere Parteien Anspruch auf die Hütte: Eberhard Pfandhöfer, hochverschuldeter Betreiber der Gute Hoffnung-Hütte in Sterkrade, sowie die Fürstäbtissin von Essen, Maria Kunigunde von Sachsen, und ihr Hüttenleiter, Gottlob Jacobi.

Pendant zu Nachtigall in Witten

Jacobi klärte die Besitzverhältnisse letzten Endes "per Waffengewalt" zugunsten der Fürstäbtissin, übernahm selbst die Führung auf Antony und modernisierte den zuvor eher unrentablen Betrieb erfolgreich. Der spätere Zusammenschluss mit der 1808 gegründeten Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen schließlich bildete die Basis für die Entstehung der Gutehoffnungshütte, die sich zu einem der größten Montankonzerne ihrer Zeit entwickeln sollte. Auf St. Antony jedoch erlosch der Hochofen bereits 1843; 1877 wurde auch die Gießerei stillgelegt. Nur das Wohnhaus des Hüttendirektors überdauerte bis ins 21. Jahrhundert. Es wurde 2004 vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) erworben und zum Museum ausgebaut.

Als Ankerpunkt steht die St. Antony-Hütte in mehrfacher Hinsicht für Pionierleistungen. Sie ist das Pendant zur Zeche Nachtigall in Witten, denn Kohle und Eisen begründeten gemeinsam den Mythos der Montanregion Ruhr.

Szenische Führungen mit Jacobi

Seit 2008 fungiert das Direktorenhaus, in dem Gottlob Jacobi gemeinsam mit seiner Frau Johanna Sophia Haniel und sieben Kindern bis zu seinem Tod im Jahr 1823 wohnte, als Standort des LVR-Industriemuseums. Szenische Führungen mit dem ehemaligen Hüttendirektor gehören fest zum Programm, einmal mehr im Jubiläumsjahr 2020 zum 250. Geburtstag Jacobis. Neben zahlreichen Exponaten, die die Produktionsprozesse und die Produktpalette der ehemaligen Hütte verdeutlichen, liefert die Dauerausstellung zudem über zahlreiche Alltags- und Einrichtungsgegenstände Einblick in die Lebensverhältnisse von einst. Der museumseigene Spielplatz bringt den jüngsten Besuchern über einen zehn Meter hohen, einem Hochofen nachempfundenen Kletterturm die Funktionsweise eines Hüttenwerks spielerisch nahe.

Das LVR-Industriemuseum St. Antony-Hütte ist Standort folgender Themenrouten:

Tipps für Ihren Besuch

Blick in die Siedlung Eisenheim, die älteste Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet.

Eisenheim

Bereits der Name macht deutlich, wer für den Bau dieser Siedlung verantwortlich zeichnet: Die Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen brauchte dringend Wohnraum für ihre ständig steigende Zahl an Arbeitern. Bekannt geworden ist Eisenheim dabei sowohl für die frühen Anfänge - als älteste Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet - als auch für das drohende Ende und den erbitterten Widerstand der Bewohner gegen den Abriss der Siedlung.

Siedlung Eisenheim
Arbeiterwohnen im Ruhrgebiet: Historische Möbel und Gebrauchsgegenstände vermitteln Besucherinnen und Besuchern das einstige Alltagsleben in der Siedlung.

Museum Eisenheim

Wie wurde gewohnt in der Kolonie? Wie wurde gelebt? Und wie verlief er - der berühmt gewordene Kampf gegen den Abriss der eigenen Heimat? Ein kleines Museum zur Geschichte der ältesten Arbeitersiedlung des Ruhrgebiets, der Siedlung Eisenheim, unterhält das LVR-Industriemuseum an der Berliner Straße in Oberhausen-Osterfeld. Dort finden sich neben Alltagsgegenständen und Möbeln auch Protestplakate und Häusermodelle.

Homepage
Der Industriearchäologische Park des LVR ist der erste seiner Art in Deutschland.

Archäologischer Park

Er ist der erste seiner Art in Deutschland: Im 1.000 Quadratmeter großen LVR-Industriearchäologischen Park können Besucher seit 2010 Überreste der St. Antony-Hütte erkunden. Ein Audioguide und 3D-Animationen füllen die Ausgrabungsstätte, auf der der LVR insgesamt vier Jahre gearbeitet hat, mit Leben und fügen Mauerreste, Fundamente und Anlagen virtuell zu einem "funktionierenden" Industriebetrieb zusammen.

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Per App geht es durchs LVR-Industriemuseum.

Animationen und Chatbot per APP

Nicht nur in szenischen Führungen, sondern auch virtuell begleitet Gottlob Jacobi die Besucher der St. Antony-Hütte. Per App und Smartphone erläutert eine digitale Version des Hüttendirektors ausgewählte Bereiche und Exponate. Komplettiert wird das virtuelle Erlebnis durch den Chatbot "Antonia", der über Kurznachrichten mit den Museumsgästen "plaudert". Die App ist kostenlos; im Museum steht freies WLAN zur Verfügung.

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St. Antony-Hütte Oberhausen
info@kulturinfo-rheinland.de
+49 (2234) 9921555
Antoniestraße 32-34, 46119 Oberhausen
EssKultur: offizielles Projekt der UN-Dekade "Biologische Vielfalt"

EssKultur: offizielles Projekt der UN-Dekade "Biologische Vielfalt"

"Soziale Natur – Natur für alle"

Das Projekt "EssKultur an der St. Antony-Hütte" als gemeinsame Initiative des LVR-Industriemuseums mit der Ruhrwerkstatt – Kultur-Arbeit im Revier e.V. wurde im Juli 2020 als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt im Rahmen des Sonderwettbewerbs "Soziale Natur – Natur für alle" ausgezeichnet. Die Auszeichnung wird vorbildlichen Projekten verliehen, die mit ihren Aktivitäten auf die Chancen aufmerksam machen, die die Natur mit ihrer biologischen Vielfalt für den sozialen Zusammenhalt bietet.

Auf einer bis dahin ungenutzten Brachfläche am Industriearchäologischen Park ist seit 2016 mit "EssKultur" ein bemerkenswertes Projekt entwickelt worden. Als Teil des Stadtgärtnerns, angelehnt an die Idee des Oberhausener Agenda 21-Projektes "Essbare Stadt", fördert und gestaltet es biologische Vielfalt und sozialen Zusammenhalt. Eine Fläche von rund 600 Quadratmetern in unmittelbarer Nähe zu den Relikten der ältesten Eisenhütte im Ruhrgebiet hat sich zu einem öffentlich zugänglichen Garten gewandelt.

UN-Dekade "Biologische Vielfalt"

Menschen und Macher: Gottlob Jacobi, Heinrich Huyssen

Menschen und Macher: Gottlob Jacobi, Heinrich Huyssen

Gottlob Jacobi

Es war die Fürstäbtissin von Essen, Maria Kunigunde von Sachsen, die Gottlob Jacobi (1770-1823) als Verwalter für die von ihr gegründete Eisenhütte Neu-Essen von Winningen an die Emscher holte. Jacobi brachte die notwendige Erfahrung mit - und die notwendigen Beziehungen: Sein Vater führte im Auftrag des Erzbischofs Clemens Wenzeslaus von Sachsen die Sayner Hütte. Diese Kombination aus geschäftlichem Können und vorteilhaften Verbindungen sollte auch sein zukünftiges Leben bestimmen: Im Jahr 1800 heiratete er Sophia Haniel und konnte - mittlerweile Anteilseigner an den Hütten Neu-Essen und St. Antony - zwei Jahre später seine Schwager Gerhard und Franz Haniel als Partner gewinnen. Mit dem Kauf der Eisenhütte Gute Hoffnung von Helene Amalie Krupp durch Heinrich Huyssen wurde der Grundstock für die Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen gelegt.

Heinrich Arnold Huyssen

Der Essener Industrielle Heinrich Arnold Huyssen (1779-1870) war von 1813 bis 1818 Bügermeister der Stadt Essen und neben Gottlob Jacobi sowie Franz und Gerhard Haniel Mitbegründer der Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen, dem Vorläufer der Gutehoffnungshütte. Seine Position als Anteilseigner fiel ihm dabei jedoch keinesfalls "geplant" zu: Eigentlich hatte er für die Gebrüder Haniel und Jacobi lediglich Verkaufsverhandlungen mit Helene Amalie Krupp, Eignerin der Eisenhütte Gute Hoffnung, führen sollen. Stattdessen erwarb er die Hütte selbst - und machte den Verkauf an die drei ursprünglichen Interessenten von einer gleichberechtigten Teilhaberschaft an der neuen Hüttengewerkschaft abhängig. Ein Vorgehen, dass später immer wieder zu Konflikten mit den übrigen Anteilseignern führen sollte. Und auch auf seinem Posten als Bürgermeister war Huyssen keinesfalls unumstritten: Nach Auseinandersetzungen mit der preußischen Regierung - die Finanzlage der Stadt war schlecht, behördliche Anweisungen blieben unbeachtet - ließ er sich von seinem Amt entbinden. Auf seine Schenkung geht unter anderem der Bau des Huyssen-Stift in Essen zurück.