LWL-Industriemuseum Zeche Zollern Dortmund

Musterzeche und "Schloss der Arbeit"

Prunkvolle Backsteinfassaden, opulente Giebel, herrliche Jugendstil-Elemente: Die Zeche Zollern in Dortmund gilt als eines der eindrucksvollsten Beispiele für die so genannten Musterzechen des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich erinnert die Anlage – bekannt auch als "Schloss der Arbeit" - eher an eine Adelsresidenz als an ein Bergwerk. Kaum mehr vorstellbar ist heute, dass das Ensemble nach der Stilllegung in den 1960er-Jahren abgerissen werden sollte. Wichtigstes Objekt im Kampf um den Erhalt war die Maschinenhalle mit dem eindrucksvollen Jugendstilportal – heute eine Ikone der Industriekultur. Als LWL-Industriemuseum macht Zollern die besondere Lebenswelt der Bergleute und ihrer Familien zwischen Schacht und Kolonie lebendig.

ERIH-Standort

Zollern ist einer von acht Standorten des Westfälischen Landesmuseums für Industriekultur / LWL-Industriemuseums des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe. Die Zeche, deren Maschinenhalle 1969 als erstes Industriegebäude Deutschlands unter Denkmalschutz gestellt wurde, ist auch ein Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH).

ERIH: Zeche Zollern

Erste voll elektrifizierte Zeche

Geologische Verwerfungen auf der ersten Zollern-Zeche, die 1873 im Dortmunder Stadtteil Kirchlinde den Betrieb aufnahm, ebneten der heutigen Zeche Zollern II/IV im wahren Wortsinn den Weg. Statt die Erschließung auf der Schachtanlage I mühsam voranzutreiben, entschloss sich die Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG), 1897 in Bövinghausen einen zweiten Schacht abzuteufen. Mehr noch: Die Kohlenvorkommen waren so vielversprechend, dass gleich eine komplett neue Zeche errichtet wurde - ab 1902 die erste voll elektrifizierte Zeche des Ruhrgebiets. Weniger erfolgreich verlief das Schicksal der 1904 vor Ort in Betrieb genommenen Kokerei: Sie wurde bereits 1918 wieder stillgelegt. Der Bahnhof Bövinghausen gleichwohl expandierte konstant und galt in den 1920er-Jahren als einer der bedeutendsten Güterbahnhöfe Dortmunds.

Zu klein für den Wettbewerb

Effiziente Großschachtanlagen beeinflussten auch die weitere Entwicklung Zollerns, wo als "Familienpütt" nie mehr als 1.500 bis 2.500 Menschen arbeiteten: Bereits 1931 zog der neue Betreiber, die Vereinigten Stahlwerke, eine Schließung der Zeche in Betracht – Germania II/III sollte die Förderung übernehmen. Die wirtschaftspolitische Entwicklung der 1930er-Jahre jedoch hatte die gegenteilige Wirkung: Die unrentable Zeche blieb vorerst in Betrieb. Erst ein Jahr nach Fertigstellung der Zentralschachtanlage Germania 1954 wurde die Förderung auf Zollern endgültig eingestellt; die Gesamtanlage wurde 1966 stillgelegt.

Der Erhalt der Musterzeche im Jahr 1969 markiert den Beginn der Industriedenkmalpflege in Deutschland. Als Ankerpunkt macht Zollern diese Entwicklung heute anschaulich erlebbar.

Renommierter Museumsstandort

Dem Einsatz des Architekten Hans Peter Koellmann und der Fotografen Bernhard und Hilla Becher ist es zu verdanken, dass die Anlage mit ihrer beeindruckenden Maschinenhalle vor dem Abriss bewahrt werden konnte. Darauf aufbauend setzte ein generelles Umdenken im Umgang mit dem historischen industriellen Erbe ein: 1981 wurde Zollern II/IV zum Standort des Westfälischen Industriemuseums, des heutigen LWL-Industriemuseums. Um ein möglichst authentisches Ensemble zu schaffen, wurden in Herne und Gelsenkirchen zwei Fördergerüste des gleichen Typs ab- und als Ersatz für die bereits abgerissenen Fördergerüste auf Zollern wieder aufgebaut. Heute ist die Zeche ein renommierter Museumsort, der in seinen Ausstellungen und spannenden Führungen die Sozial- und Kulturgeschichte des Ruhrbergbaus beleuchtet.

Tipps für Ihren Besuch

Zeche Zollern: Alte Verwaltung und Fördergerüst.

Alte Verwaltung

Die Geschichte der Zeche Zollern wird im historischen Verwaltungsgebäude erzählt. Und das im wahren Wortsinn: über sprechende Informationsstelen, Tast- und Hörstationen. Die Verwaltung fungiert auf diese Weise als "begehbares Denkmal". Eines der ausdrucksvollsten Exponate: 400 Personalkarten der namentlich bekannten Zwangsarbeiter Zollerns.

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Die ehemalige Waschkaue auf Zollern.

Waschkaue

Es sind die eher ungewöhnlichen Themen, die in der Waschkaue im Fokus stehen: Hygiene und Gesundheit, Freizeit und das Grubenrettungswesen werden in diesem Gebäudekomplex in Wort, Bild und Ton beleuchtet. Zu sehen sind unter anderem Originalexponate aus zecheneigenen Gesundheitshäusern oder Lehrwerkstätten.

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Ausstellung in der Lampenstube.

Lampenstube

In der Lampenstube ist der Name Programm: Für den Bergmann waren funktionierende Lampen lebensnotwendig. Wie entscheidend das bergmännische Geleucht für die Arbeit unter Tage war, erfahren Besucher unter anderem in einer Dunkelkammer. Eine Werkstatt macht die Arbeit des Lampenmeisters anschaulich erlebbar.

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Die Schachthalle auf Zollern.

Schachthalle

Dem Weg der Kohle spürt die Ausstellung in der Schachthalle nach. Neben den Aufbereitungsstufen von der Rohkohle bis zum Endprodukt stehen vor allem die Menschen, die einst auf Zollern gearbeitet und im Umfeld gelebt haben, im Mittelpunkt. Zeitzeugen-Interviews und Filmsequenzen lassen die Erinnerungen lebendig werden.

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Zeche Zollern Dortmund
zeche-zollern@lwl.org
+49 (231) 6961111
Grubenweg 5, 44388 Dortmund
Musterzeche aus Prinzip

Musterzeche aus Prinzip

Konkurrenzdruck der Industrialisierung

Die Industrialisierung des Ruhrgebiets war nicht zuletzt mit enormem Konkurrenzdruck verbunden: Allein in den 1890er-Jahren entstanden mehr als 70 neue Schachtanlagen im Ruhrrevier. Der Bau möglichst imposanter Musterzechen sollte Mitarbeitern wie Gegenspielern in diesem Gefüge individuelle Führungsansprüche demonstrieren. Die Zechen entstanden als Gesamtkunstwerke, mit effizient angeordneten, aufwändig gestalteten Gebäuden, die ein geschlossenes Ensemble bildeten.

Mit Zollern gab die Gelsenkirchener Bergwerks-AG, die damals größte deutsche Bergwerksgesellschaft, eine Musterzeche aus der Feder des renommierten Architekten Paul Knobbe in Auftrag. Knobbe plante unter anderem Schaufassaden mit prachtvollen neugotischen Staffelgiebeln. Diese "Beeindruckungsarchitektur" diente Repräsentations- wie Autoritätsansprüchen gleichermaßen. Im Tagesbetrieb allerdings wurden auf Zollern bald schon eine Reihe von technischen Planungsmängeln offensichtlich.

Kolonien für die Arbeiter

Kolonien für die Arbeiter

Landwehr und Neue Kolonie

Zwar zählte Zollern stets zu den eher kleinen Schachtanlagen; mit steigender Kohlenförderung stieg jedoch auch die Zahl der Arbeiter. Eine logistische Herausforderung, die der kleine Ortsteil Bövinghausen bald kaum mehr stemmen konnte; Wohnraum wurde dringend benötigt. Die GBAG ließ deshalb zwischen 1898 und 1904 direkt vor den Toren der Zeche die Kolonie Landwehr nach dem Modell einer Gartenstadt bauen.

Landwehr sorgte für eine große räumliche Nähe von Wohnen und Arbeiten und band - nicht zuletzt wegen des gehobenen Wohnstandards mit eigenen Gärten und Ställen - die Arbeiter an die Zeche. Doch auch hier waren die Kapazitäten bald erschöpft: 1905 entstand eine zweite Siedlung an der Provinzialstraße. Die eher schlichten Mietshäuser der "Neuen Kolonie" nahmen größtenteils ostpreußische und polnische Bergleute auf.

Denkmalgeschützte Maschinenhalle mit Jugendstil-Portal

Denkmalgeschützte Maschinenhalle mit Jugendstil-Portal

Herzstück der Zechenanlage

Ein Ausstellungspavillon der Gutehoffnungshütte (GHH) auf der Düsseldorfer Industrieausstellung von 1902 diente als Vorbild für die beeindruckende Maschinenhalle auf Zollern, die - gebaut aus Stahlfachwerk und Glas - ein Symbol für den Erfolg der Montanindustrie im Ruhrgebiet sein sollte. Das Ergebnis der Planungen Bruno Möhrings: ein repräsentatives Querhaus, ausgestattet mit Farbfenstern, Mosaikbahnen und einem kunstvollen Jugendstil-Portal, das einmalig ist für einen europäischen Industriebau.

Die Maschinenhalle markierte den Beginn der modernen Industriearchitektur. Sie wurde, ebenso wie die Fördermaschine von 1902, die erste elektrisch betriebene Hauptschacht-Fördermaschine in Europa, 1969 unter Denkmalschutz gestellt. Nach mehrjähriger Sanierung wurde die Maschinenhalle im Herbst 2016 wieder für die Öffentlichkeit geöffnet.

Geschichte der Maschinenhalle

Erlebnisstrecke ”Montanium“

Erlebnisstrecke ”Montanium“

Ausgebauter Streckenabschnitt auf dem Zechenplatz

Die Schächte der Zeche Zollern in Dortmund sind längst verfüllt. Trotzdem können Besucher des LWL-Industriemuseums die Welt unter Tage hautnah erleben. In einem ausgebauten Streckenabschnitt auf dem Zechenplatz erfahren Gäste bei Führungen, was es bedeutet, tief unter der Erde den Kräften der Natur zu trotzen. Experimentierstationen, Sounds, Gerüche, Dunkelheit und audiovisuelle Projektionen vermitteln authentische Eindrücke von der Arbeitswelt der Bergleute.

Das Interieur der 40 Meter langen Erlebnisstrecke stammt aus dem ehemaligen Lehrbergwerk der Zeche Westerholt. Stück für Stück hat das LWL-Industriemuseum Maschinen und Werkzeuge aus Herten nach Dortmund gebracht, in vielen hundert Arbeitsstunden restauriert und in die Strecke eingebaut. Zu den größten Exponaten zählen funktionstüchtige Hydraulik-Schilde zum Abstützen des Deckengewölbes, des so genannten "Hangenden", beim Abbau. Einige sind fest im "Gebirge” eingebaut. 

Erlebnisstrecke "Montanium"

Menschen und Macher: Paul Knobbe, Bruno Möhring, Bernd und Hilla Becher

Menschen und Macher: Paul Knobbe, Bruno Möhring, Bernd und Hilla Becher

Paul Knobbe

Der Architekt Paul Knobbe (1867) war zwischen 1901 bis 1906 Leiter der Bauabteilung der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG) und zeichnete in dieser Funktion unter anderem für Gebäude der Zechen Zollern und Hansa sowie die Arbeitersiedlung Kolonie Landwehr verantwortlich. Auf ihn gehen beispielsweise die neugotischen Staffelgiebel an den Zoller'schen Fassaden zurück. Sein 1902 vorgelegter Entwurf für die dortige Maschinenhalle, ein massives Ziegelbauwerk, wurde allerdings zugunsten der unverkleideten Stahlfachwerkhalle nicht umgesetzt. Knobbe hat an der Technischen Hochschule Charlottenburg studiert und starb 1956 in Essen.

Bruno Möhring

Bereits mit seiner ersten Arbeit, einem Entwurf für die Bonner Rheinbrücke, gelang Bruno Möhring (1863-1929) der Durchbruch als Industriearchitekt. War seine frühe Bautätigkeit dabei noch vom Historismus geprägt, wandte er sich um die Jahrhundertwende dem Jugendstil zu, der insbesondere in seinen Entwürfen für die Maschinenhalle auf Zollern deutlich wird. Ab 1906 machte sich Möhring dann durch städtebauliche Konzepte einen Namen. Vollständig umgesetzt wurde jedoch keine seiner stadtplanerischen Arbeiten.

Bernhard und Hilla Becher

Das Fotografen-Ehepaar Bernhard (1931-2007) und Hilla Becher (geb. Wobeser, 1934-2015) dokumentierte in seinen Schwarz-Weiß-Fotografien Fachwerk- und Industriearchitektur aus mehr als vier Jahrzehnten - vielfach Bauten, die unmittelbar vom Abriss bedroht waren. Gemeinsam gründeten sie Ende der 1970er-Jahre die Düsseldorfer Photoschule, die Generationen von Fotografen prägte, darunter Andreas Gursky und Candida Höfer. Ihre fotografische Arbeit und nicht zuletzt ihr Einsatz für den Erhalt der Zeche Zollern geht mit einem generellen Umdenken in der Bewertung alter Industriebauten und deren Anerkennung als Denkmäler einher.