Besuch im Ruhrgebiet

„Besuch im Ruhrgebiet“ ist ein in vielerlei Hinsicht durchaus typischer, in mancher Hinsicht jedoch auch außergewöhnlicher Industrie- und Anwerbefilm des Ruhrbergbaus aus dem Jahr 1957, entstanden unmittelbar vor dem Einsetzen der Kohlenkrise, die die Nachkriegskonjunktur des Steinkohlenbergbaus beendete. Der Film spielt mit zeitgenössischen Fremd- und Selbstbildern des Ruhrgebiets, indem er den vorurteilsgeladenen Blicken einer revierfremden Besucherin auf den schmutzigen und lauten „Kohlenpott“ sowie auf die gefährliche und schwere Bergarbeit die positive Sichtweise eines im Ruhrgebiet heimisch gewordenen Bergmanns gegenüberstellt.

Fremd- und Selbstbilder

Der aus ländlicher Umgebung in das Ruhrgebiet zugewanderte Bergmann Hermann und seine Familie erhalten Besuch von einer ehemaligen Nachbarin aus der alten Heimat. Für sie erscheint der „Kohlenpott“ einfach nur „schrecklich“ und geprägt von der Farbe Schwarz, von Gewühle und Krach. Die Bergarbeit empfindet sie als hart, gefährlich und wenig erstrebenswert, vor allem nicht für ihren eigenen Sohn. In der Figur der revierfremden Besucherin verdichten sich damit Wahrnehmungen des Industriegebietes, die außerhalb dieser Region damals durchaus weit verbreitet waren-. Den Gegenpol bildet Hermann, der von Stolz auf seine neue Heimat, seinen Beruf und „seine“ Zeche erfüllt ist. Anhand seiner Perspektive stellt der Film systematisch die umfassende und vorbildliche Sozialfürsorge der Bergwerksgesellschaft Hibernia für ihre Belegschaft und insbesondere für ihre Berglehrlinge heraus, um so schrittweise das schlechte Image des Reviers und des Bergmannsberufs zu korrigieren: Die Zeche sorgt sich um das gesundheitliche Wohl ihrer Beschäftigten oder finanziert Urlaubsfahrten in werkseigene Erholungsheime. Die Berglehrlinge genießen eine solide und umfassende Ausbildung, sie sind in sauberen und schmucken Lehrlingsheimen oder bei Gastfamilien gut versorgt und betreut. Auch das mit Unterstützung der Zechengesellschaft erworbene Reihenhaus in einer großzügig angelegten Siedlung wird als erstrebenswerte Lebensform des Ruhrbergmanns präsentiert. Mit seinen hellen, freundlichen und modern eingerichteten Zimmern ist es zugleich ein Gegenbild zu den verbreiteten Vorstellungen vom dunklen, staubigen und engen Arbeitsplatz unter Tage. Damit reiht sich „Besuch im Ruhrgebiet“ in eine ganze Reihe von Anwerbefilmen ein, mit denen die Branche damals gezielt um Arbeitskräfte und vor allem um beruflichen Nachwuchs warb.

Produktion und Besetzung

Gleichwohl hebt sich „Besuch im Ruhrgebiet“ in mehrfacher Hinsicht aus der Menge der übrigen Industriefilme seiner Zeit ab. Dies zeigt sich zunächst in seiner aufwendigen und professionellen Gestaltung sowie in seiner mit knapp 70 Minuten Laufzeit beinahe Spielfilmlänge. Den Auftrag zur Produktion erteilte die Bergwerksgesellschaft Hibernia dem renommierten Filminstitut Erich Menzel in Erlangen, das sich in den Nachkriegsjahren auf Auftragsproduktionen für die Industrie und auf die Herstellung von wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Filmen spezialisiert hatte. Außergewöhnlich ist zudem die vergleichsweise prominente Besetzung mit damaligen Akteur:innen des Bochumer Schauspielhauses. So wird der Protagonist des Films, der Bergmann Hermann, durch den Theaterschauspieler Hans (oder Hannes) Messemer (1924-1991) dargestellt. Er hatte erst im Jahr zuvor, 1956, an der Seite von Maria Schell sein Filmdebüt in einer Verfilmung von Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ gegeben. Bis zum Ende der 1980er-Jahre wirkte er in mehr als 150 Film- und Fernsehproduktionen mit. Zu seinen bekanntesten Filmen zählt unter anderem die Gaunerkomödie „Auf Engel schießt man nicht“ von 1960, in der er an der Seite von Ruth Leuwerik und Gustav Knuth sowie der Schauspielerin Rosel Schäfer (1926-1982) spielte. Mit Rosel Schäfer, seiner zweiten Ehefrau, stand er nicht nur für „Besuch im Ruhrgebiet“, sondern auch in weiteren Filmen gemeinsam vor der Kamera. Darüber hinaus ist der junge Günter Lamprecht (1930-2022) als Berglehrling Jochen zu sehen. Lamprecht stand damals noch am Anfang seiner Karriere und hatte sein erstes Theaterengagement am Schauspielhaus Bochum. Später avancierte er zu einem der profiliertesten Charakterdarsteller des deutschen Films und Fernsehens, so etwa in dem Fassbinder-Film „Die Ehe der Maria Braun“ (1979), als Franz Biberkopf in der Verfilmung von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ sowie als Berliner Tatort-Kommissar Franz Markowitz.

Filmografische Angaben
Auftraggeber: Bergwerksgesellschaft Hibernia AG, Herne
Produzent: Filminstitut Erich Menzel, Erlangen
Produktionsjahr: ca. 1957
Regie: Erich Menzel
Buch: Arthur A. Kuhnert
Kamera: Fritz Lehmann
Schnitt: Ingeborg Schönstein
Musik: Friedrich Wilckens
Darsteller: Rosel Schaefer, Hans Messemer, Paula Braend, Marion Tödter, Eva Katharina Schultz, Holger Kepich, Günter Lamprecht, Rolf Schult, Rolf Dieter Wachsmuth, Grete Reinwald, Sigrid Schleier, Berni Clairmont, Walter Uttendörfer, Peter Probst, Hans Kirchner, Belegschaftsangehörige der Bergwerksgesellschaft Hibernia AG
Sprache: deutsch
Laufzeit: 67 Minuten
Format: 35-mm-Lichtton, Farbe
Archiv: Montanhistorisches Dokumentationszentrum/Bergbau-Archiv Bochum des Deutschen Bergbau-Museums Bochum

Kontakt
Deutsches Bergbau-Museum Bochum
Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok)
Dr. Stefan Przigoda
Am Bergbaumuseum 28
44791 Bochum
Stefan.przigoda@bergbaumuseum.de

Abb. 01: Zechensiedlung im Grünen (Filmstill aus „Besuch im Ruhrgebiet“, 1957)
Abb. 02: Bergmann Hermann und Arbeitskollege beim sog. Buckeln (Filmstill aus „Besuch im Ruhrgebiet“, 1957)