Kein Tag wie jeder andere

Am 6. September 1962 besuchte der französische Staatspräsident Charles de Gaulle (1890–1970) im Rahmen seines offiziellen Deutschlandaufenthalts die August ThyssenHütte in DuisburgHamborn. Der Besuch wurde zu einem international beachteten Symbol der deutsch-französischen Verständigung und zu einem außergewöhnlichen Moment der Unternehmensgeschichte, den der Film mit dem Arbeitstitel „Kein Tag wie jeder andere“ auf Celluloid festhält.

Politischer und historischer Kontext

Der Staatsbesuch Charles de Gaulles in der Bundesrepublik Deutschland vom 4. bis 9. September 1962 erfolgte auf Einladung von Bundespräsident Heinrich Lübke und stand im Zeichen der Vertiefung der deutsch‑französischen Beziehungen. Nach drei Kriegen innerhalb von weniger als einhundert Jahren galt die öffentliche Demonstration von Annäherung und Vertrauen zwischen den ehemaligen „Erbfeinden“ als zentrale politische Aufgabe. Der Besuch de Gaulles war zugleich der formelle Gegenbesuch zu Kanzler Konrad Adenauers Paris‑Reise im Juli desselben Jahres und bereitete den Boden für den Élysée‑Vertrag von 1963 vor.

Der Werksbesuch als öffentliches Ereignis

Am 6. September 1962 erreichte Charles de Gaulle Duisburg mit dem Rheindampfer M/S Deutschland. Der Werkhafen im Stadtteil Schwelgern war zum Fernsehstudio geworden. Strenge Sicherheitsmaßnahmen begleiteten den Besuch, doch die Atmosphäre war offen und emotional. Hunderte ausgewählte Lehrlinge und Arbeiter begrüßten den Gast – durchnässt vom Regen, aber sichtbar begeistert. Der Besuch des französischen Staatspräsidenten bei der August Thyssen‑Hütte in Duisburg, einen der größten Stahlstandorte Europas, fand unter enormer medialer Aufmerksamkeit statt: Fernsehen, Hörfunk und rund 250 internationale Journalistinnen und Journalisten begleiteten das Ereignis. Die Übertragung über die Eurovision erreichte ein Millionenpublikum. Der Werksbesuch wurde damit zu einem zwischenstaatlichen Symbol industrieller Leistungsfähigkeit und politischer Verständigung. Die Industrie bot dabei die Bühne für die internationale Politik.

Nähe statt Protokoll

Charakteristisch für den Besuch war de Gaulles demonstrativ persönlicher Umgang mit den Beschäftigten. Der Film macht sichtbar, wie politische Nähe hergestellt, emotional erfahren und medial verbreitet wurde – und warum dieser Tag für viele Beteiligte „kein Tag wie jeder andere“ war. Entgegen dem vorgesehenen Protokoll suchte de Gaulle wiederholt den direkten Kontakt zu Beschäftigten und Auszubildenden. In der Halle der Warmbreitbandstraße hielt er eine auf Deutsch memorierte Rede, die von außergewöhnlich langem Applaus begleitet wurde. De Gaulle wird gefeiert! Zeitgenössische Beobachter deuteten diese Reaktionen als sichtbares Zeichen dafür, dass die deutsch‑französische Verständigung nicht nur politisch gewollt, sondern gesellschaftlich getragen war.

Filmische Dokumentation und Quellenwert

Eine besondere Bedeutung kommt dem zeitnah produzierten Farbfilm „Kein Tag wie jeder andere“ zu. Der Film dokumentiert die Rede und die frenetisch jubelnden Arbeiter im Walzwerk, weist aber vor allem sehr deutlich auf die Vorbereitungen des Staatsbesuchs hin – auf die Arbeit im Hintergrund, die entscheidend ist, für den erfolgreichen Verlauf eines Besuchs. Auf all die kleinen Dinge, die entscheiden, ob ein Besuch ein Erfolg oder ein Malheur wird, so wie es damals der Sprecher des Films, der später v. a. als Sprecher der Tagesthemen bekannt gewordene Hajo Friedrichs formuliert. Der Film verstand sich ausdrücklich nicht als Werbefilm des Unternehmens, sondern als zeitgeschichtliches Dokument. Anders als klassische Unternehmensfilme verzichtete die Produktion bewusst auf werbliche Akzente. Die August Thyssen‑Hütte erscheint in dem Film stellvertretend für das Ruhrgebiet, ihre Arbeiterschaft für die deutsche Industriegesellschaft insgesamt. Durch die Darstellung von Gesten, Emotionen und Publikumsreaktionen besitzt der Film einen eigenständigen Quellenwert für die Erforschung politischer Symbolik, medialer Inszenierung und gesellschaftlicher Wahrnehmung der deutsch‑französischen Versöhnung zu Beginn der 1960er-Jahre, die sich aus schriftlichen Quellen allein nicht erschließen lassen.

Astrid Dörnemann, thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg

 

Filmografische Angaben
Filmtitel: Kein Tag wie jeder andere [[A]]
Auftraggeber: August Thyssen-Hütte AG
Produktion: Dido Deutsche Industrie- und Dokumentarfilm GmbH
Produktionsjahr: 1962
Format: 16-mm-Lichtton
Farbe: Farbe
Sprache: Deutsch
Laufzeit: 20 Minuten
Sprecher: Hanns Joachim Friedrichs
Regie: Reginald Beutner, Ernst Ullrich
Kamera: Egon M. Mann, Ernst Ullrich
Ton: Hans Ruhe
Schnitt: Angelika Jankowsky
Uraufführung: 16.01.1963 Élysée Palast vor Staatspräsident de Gaulle (nicht öffentlich)
28.03.1963 Hauptversammlung der August Thyssen-Hütte AG, Düsseldorf

Archiv:                                thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg