Pioniere Deutscher Technik (1935): Besuche von Kaiser Wilhelm II. zur Beerdigung von Friedrich Alfred Krupp (1854–1902) sowie König Ludwig III. von Bayern in der Gussstahlfabrik (1902/1915)
Die kurzen Filmausschnitte vereinen zwei historisch bedeutsame monarchische Besuche, die in engem Zusammenhang mit der Geschichte des Unternehmens Krupp sowie mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung des Deutschen Kaiserreichs und der Zeit des Ersten Weltkriegs stehen.
Kaiser Wilhelm II. In Essen (1902)
Die ersten Aufnahmen zeigen Kaiser Wilhelm II. am 26. November 1902 anlässlich der Beisetzung Friedrich Alfred Krupps. Dieses Filmdokument entstand vor dem Hintergrund des sogenannten „Krupp‑Skandals“, der wenige Monate zuvor erhebliche öffentliche Aufmerksamkeit erregt hatte und mit schwerwiegenden Vorwürfen gegen Krupp sowie politischer Instrumentalisierung, insbesondere durch sozialdemokratische Magazin „Vorwärts“ der SPD, ausgelöst wurde und Krupp unter anderem homosexuelle Beziehungen vorwarf. Der Fall wurde politisch aufgegriffen und diente insbesondere der SPD dazu, gesellschaftliche Doppelmoral, den § 175 sowie die Verflechtung von Großindustrie und politischer Macht im Kaiserreich öffentlich zu kritisieren.
Das Material besitzt herausragenden quellenhistorischen Wert: Es handelt sich vermutlich um das älteste erhaltene Filmdokument aus dem Ruhrgebiet und ermöglicht damit einen frühen bildlichen Zugriff auf industrielle, politische und gesellschaftliche Repräsentationsformen.
König Ludwig III in Essen (1915)
Der zweite Themenkomplex dokumentiert einen Teil des Besuches von König Ludwig III. von Bayern am 11. Februar 1915 in der Gussstahlfabrik in Essen, der auch einen Besuch des Stammhauses einschloss. Die Aufnahmen entstanden während des Ersten Weltkriegs und sind im Kontext der sich verdichtenden Verflechtung von Monarchie, Rüstungsindustrie und staatlicher Kriegswirtschaft zu lesen. Neben dem König und ranghohen Militär sowie Vertretern der Bayerischen Geschützwerken in München, einer Tochtergesellschaft des Krupp‑Konzerns, sind auch Gustav Krupp von Bohlen und Halbach sowie Margarethe Krupp im Bild. Dies unterstreicht die zentrale Stellung der Unternehmerfamilie Krupp innerhalb politischer, wirtschaftlicher und symbolischer Machtstrukturen der Zeit.
Überlieferung und Re-Kontextualisierung im Film Pioniere Deutscher Technik
Die beiden Filmsequenzen sind nicht als eigenständige Filme überliefert, sondern lediglich in späteren Zusammenstellungen erhalten geblieben. Sie gingen in den Kompilationsfilm Pioniere Deutscher Technik ein, der 1936 in einer Langfassung von etwa 45 Minuten sowie 1961 in einer gekürzten Fassung von rund 21 Minuten veröffentlicht wurde. In diesem Zusammenhang erfuhren die historischen Aufnahmen eine nachträgliche Rahmung und Interpretation, die sie in ein technik‑ und industriegeschichtliches Narrativ einbettete und zugleich die jeweiligen zeitgenössischen Deutungsinteressen widerspiegelt. Der Film stellt somit nicht nur eine Quelle zur Frühgeschichte des Industriefilms dar, sondern eröffnet darüber hinaus auch Einblicke in die Mechanismen der Geschichtsbilderzeugung in unterschiedlichen politischen Systemen des 20. Jahrhunderts.
Felix Hartelt, Historisches Archiv Krupp
Filmografische Angaben:
Pioniere Deutscher Technik (1935): Besuche von Kaiser Wilhelm II. zur Beerdigung von Friedrich Alfred Krupp (1854–1902) sowie König Ludwig III. von Bayern in der Gussstahlfabrik (1902/1915)
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